Wenn eine Fledermaus von einer Windenergieanlage getötet wird…


Hannover. Umweltminister Stefan Wenzel hat namens der Landesregierung auf eine mündliche Anfrage der Abgeordneten Dr. Gero Hocker und Dr. Stefan Birkner (FDP) zu Verletzungen von Tieren durch Windkraftanlagen geantwortet.

Die Abgeordneten Dr. Gero Hocker und Dr. Stefan Birkner (FDP) hatten gefragt:

In den vergangenen Monaten erschienen verschiedene Medienartikel, in denen über die Gefahren für Vögel, Insekten und Fledermäuse durch Windkraftanlagen berichtet wurde. Ein Auslöser war eine Studie des Michael-Otto-Instituts in Bergenhusen/Schleswig-Holstein, welche die Auswirkungen des Repowering von Windkraftanlagen auf Vögel und Fledermäuse untersuchte.

Wir fragen die Landesregierung:

1. Welche Erkenntnisse hat die Landesregierung, wie viele Vögel, Insekten und Fledermäuse in Niedersachsen durch Windräder verletzt wurden oder ums Leben kamen (wenn möglich, bitte aufschlüsseln)?

2. Welche Maßnahmen plant die Landesregierung zum Schutz der Tiere?

3. Umweltschützer fordern, Windräder in Zeiten, in denen die Fledermäuse besonders verstärkt auf die Jagd gehen, abzuschalten. Um wie viele Stunden Abschaltung würde es sich dabei handeln, was würde die Abschaltung kosten und hätte eine solche Abschaltung Einfluss auf die Versorgungssicherheit des Landes, wenn ja, in welchem Maße?

Stefan Wenzel, der Niedersächsische Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz, beantwortete die Anfrage namens der Landesregierung:

Die in der Anfrage angesprochenen Medienartikel, in denen über die Gefahren für Vögel, Fledermäuse und Insekten durch Windkraftanlagen berichtet wurde, sind der Landesregierung bekannt. Gleiches gilt für die Studie des Michael-Otto-Instituts aus dem Jahr 2006, welche die Auswirkungen des Repowering von Windkraftanlagen auf Vögel und Fledermäuse untersuchte.

Dies vorausgeschickt, beantworte ich die Kleine Anfrage namens der Landesregierung wie folgt:

Zu 1:

Es ist allgemein bekannt, dass sowohl Vogel- und Fledermausarten als auch Insektenarten durch Windkraftanlagen verletzt werden und auch zu Tode kommen können. Für Niedersachsen liegen jedoch keine absoluten Zahlen zu Tierverlusten durch Windkraftanlagen vor. Dies ist insbesondere dadurch begründet, dass das Auffinden von Kollisionsopfern an Windkraftanlagen technisch schwierig ist und Kadaver schnell auf natürlichem Wege beseitigt werden (beispielsweise durch Aasfresser). Allerdings wird zu dieser Thematik von der Staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg eine bundesweite Datei sowohl für Vogel- als auch für Fledermausarten geführt. Diese Datei gibt den aktuellen Stand an Kollisionsopfern an Windenergieanlagen für 14 Bundesländer bei Vogelarten und dreizehn Bundesländer bei Fledermausarten wieder. In beiden Dateien sind auch Angaben aus Niedersachsen zu finden.

Die Auswertung dieser Dateien ergibt für Niedersachsen folgendes Bild:

1. Es sind insgesamt 214 an Windenergieanlagen getötete Fledermäuse verzeichnet. Die am häufigsten betroffenen Arten sind in absteigender Reihenfolge: Großer Abendsegler, Rauhaut-, Zwerg-, Breitflügel-, Zweifarb-, Mückenfledermaus, Kleinabendsegler, Teich- und Mopsfledermaus.

2. In der Schlagopferdatei finden sich für Niedersachsen insgesamt 234 getötete Vögel, die auf 48 Arten entfallen. Zu den häufigsten Kollisionsopfern zählen Stockente (n=34), Lachmöwe (n=29), Mäusebussard (n=23) und Rotmilan (n=16).

Die von der Staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg geführten Dateien enthalten in hohem Maße Zufallsfunde. Als sicher kann deshalb gelten, dass beide Datenbanken nur einen Bruchteil der tatsächlich an Windenergieanlagen verunglückten Tiere widerspiegeln. Aus den Fundzahlen allein sind deshalb auch keine zuverlässigen Hochrechnungen über die Zahl jährlicher Verluste einzelner Arten ableitbar.

Im Vergleich dazu sind in den Streckenergebnissen für das Jagdjahr 2011/2012 beim Federwild zum Beispiel als Fallwild 1929 Stockenten, 23 Lachmöwen, 366 Mäusebussarde und 3 Rotmilane ausgewiesen. Das im Straßen- und Schienenverkehr verendete Schalwild beläuft sich im Berichtsjahr 2011/2012 auf mehr als 28.000 Tiere.

Über mögliche Verluste von Insekten durch Windkraftanlagen ist wenig bekannt, da zu dieser Thematik bislang kaum Studien durchgeführt wurden.

Zu 2:

Die Landesregierung plant einen natur- und artenschutzverträglichen Ausbau der Windenergie und prüft in diesem Zusammenhang auch Maßnahmen zum Schutz der betroffenen Tiere.

Zu 3:

Zu Kollisionen von Fledermäusen mit Windkraftanlagen liegen für Deutschland bereits mehrere Studien beziehungsweise Untersuchungen vor. Diesen zufolge variiert das Kollisionsrisiko zwischen unterschiedlichen Standorten mitunter sehr stark. In Einzelfällen, bei denen ein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko für eine Tierart besteht, können Maßnahmen zur Kollisionsverminderung wie temporäre Abschaltungen artenschutzrechtlich erforderlich sein.

Gemäß einer im Auftrage des Bundesumweltministeriums erstellten umfassenden Studie der Leibniz-Universität Hannover und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg von Dezember 2010 besteht ein erhöhtes Kollisionsrisiko von Fledermäusen an Windenergieanlagen lediglich bei recht spezifischen Witterungsbedingungen. So ist eine hohe Fledermausaktivität nur bei geringen Windgeschwindigkeiten beobachtbar und nimmt mit wachsender Windgeschwindigkeit rasch ab. Ferner hängt die Aktivität und damit das Kollisionsrisiko in hohem Maße von Monat und Nachtzeit ab und geht bereits bei geringen Niederschlägen stark zurück.

Auf Basis dieser wissenschaftlichen ermittelten Einflussgrößen lassen sich relativ einfache Algorithmen bilden, die für Situationen hoher zu erwartender Fledermausaktivität gezielte temporäre Abschaltungen von Windkraftanlagen ermöglichen und das Kollisionsrisiko damit auf ein sehr geringes Maß begrenzen. Gemäß der genannten Studie wurden für beispielhafte Anlagen maximale Windertragsverluste von rund 1,1 bis rund 1,5 % ermittelt. Im Durchschnitt lagen die Einbußen im Bereich 0,3 bis 0,8 %.

Entsprechend bewegen sich die relativen finanziellen Ertragseinbußen auf moderatem Niveau. Deren absolute Höhe kann nur im Einzelfall, bei Kenntnis der jeweils für eine Anlage gültigen Förderbedingungen nach EEG, insbesondere der Vergütungssätze, bestimmt werden.

Bei der Bewertung der Kostenaspekte ist auch darauf zu verweisen, dass bei allen Energieerzeugungsformen, insbesondere bei Nutzung der Atomkraft und der fossilen Energieträger, auch externe Kosten unberücksichtigt blieben. Im Vergleich zu diesen Kosten sind externe Kostenausweisungen bei den Erneuerbaren Energien eher gering einzustufen.

Angesichts der moderaten Windertragseinbußen, der vergleichsweise guten Prognostizierbarkeit temporärer Abschaltungen sowie der geringen Zahl betroffener Anlagen ist nicht davon auszugehen, dass derartige Abschaltungen eine Verschlechterung der Versorgungssicherheit bewirken können.

Veröffentlicht von www.regionhannover.co

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